ARBEITSGEMEINSCHAFT DER GERMANISTEN NÖ.
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WERTE IN DER JUGENDLITERATUR


AG-Tagung Deutsch im Rahmen der "Schillergespräche"
in Zusammenarbeit mit dem Verein "Impulse"

Landesbibliothek St. Pölten
Dienstag, 12. November 2002

Leitung: Dr. Peter Bubenik

Referent:
Mag. Erich Perschon

 

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Werte in der Jugendliteratur (Erich Perschon)

Referat im Rahmen der 7. Internationalen Schillergespräche - AG-Tagung-Deutsch - St. Pölten


Meinem Referat könnte ich mehrere Titel geben - ein paar Untertitel zum Generalthema "Werte in der Jugendliteratur", die schon eine Art Programm meiner Ausführungen andeuten.

Zum Beispiel: "Die Annäherung der Jugendliteratur an die Erwachsenenliteratur" oder "Wie unmoralisch dürfen Jugendbücher sein?" oder "Postmoderne Werte-Cocktail als Herausforderung der Sozialisationsliteratur" oder "Jugendliteratur als moralische Anstalt betrachtet?"


Beginnen wir dem Veranstaltungsrahmen gemäß dieses Referat mit einem Zitat Friedrich Schillers, der sich gerade in der Pionier- und Gründer-Zeit der Kinder- und Jugendliteratur kritisch mit dem Verhältnis von Ästhetik und Charakterbildung in dem Aufsatz "Die Schaubühne als moralische Anstalt betrachtet" auseinandersetzt, Zur Wirkung von Literatur meint Schiller bescheiden,

"dass vielleicht Molieres Harpagon noch keinen Wucherer besserte, dass der Selbstmörder Beverley noch wenige seiner Brüder von der abscheulichen Spielsucht zurückzog, dass Karl Moors unglückliche Räubergeschichte die Landstraßen nicht viel sicherer machen wird - aber [...] wenn sie die Summe der Laster weder tilgt noch vermindert, hat sie uns nicht mit denselben bekannt gemacht?"


Um diesen Aspekt der literarischen Darstellung, der Bekanntmachung der Welt im Spannungsfeld der pädagogischen Ansprüche, Wertvorstellungen und Bildungsaufträge geht es in meinen Ausführungen.


Kinder- und Jugendliteratur kennzeichnet - ob sie will oder nicht - die Gleichzeitigkeit von pädagogischen und literarischen Aspekten. Ob sie bloß Geschichten aus dem Alltag erzählt oder explizite Regeln und Verhaltensanweisungen vermitteln will, ob sie phantastische Welten entwirft oder auf aktuelle Problemlagen der Gesellschaft und Individuen hinweist und damit die kindlichen oder jugendlichen Leser und Leserinnen aufklären will oder wenn sie umgekehrt Erziehung von Kindern vehement zurückweist: Immer vermittelt sie mehr oder weniger direkt und intentional Werte, Normen und Anschauungen und gerade auch dort, wo sie sie weglässt. Innerhalb dieses pädagogischen Rahmens geht es aber vor allem um das WIE der literarischen Vermittlung.

Was sind nun die erzähltheoretischen Grundlagen dieser pädagogischen Erzählstrategien in der Kinder- und Jugendliteratur?

Das erzählerische Spektrum ist weit und reicht von der direkten, unmissverständlichen Formulierung einer Moral am pädagogischen Ende der Skala bis zur Polyphonie oder auch Polyvalenz (Gansel) an deren literarästhetischem Gegenpol:

Ich werde mich in meinen Ausführungen auf Jugendliteratur beziehen, die vor allem die Oberstufe, also sog. "Junge Erwachsene" betrifft.

Ich denke, dass der Adoleszenzroman zur Zeit die bedeutendeste jugendliterarische Textform ist als Lektüre für "Jugendliche älterer Semester" wie die Einladung die Abgrenzung formuliert. Das sog. "problemorientierte Jugendbuch" ist durch seine Konzentration (manchmal auch Einseitigkeit) und pädagogische Adaption an die Altersgruppe der 12-16-Jährigen für ältere Jugendliche nicht mehr attraktiv. Schon allein die Art der Vermarktung (Verlagsprospekte, Titelbilder) ist nicht gerade, geeignet junge Erwachsene anzusprechen. Daneben nehmen die wenigen lesenden Jugendliche ab 14-15 Jahren ja ohnehin zunehmend Erwachsenenliteratur als Lektüre.

Welche Titel nennen da SchülerInnen z.B.?

ZB. Das Parfum, Süskind (5. Kl.), Der Eissturm, Moody (6.Kl.), Trainspotting, Welsh (6.Kl.), American Psycho, Ellis (7. Kl.), Soloalbum, Stuckrad-Barre (8.Kl.)


Das Genre Adoleszenzliteratur ist einerseits eine der innovativsten jugendliterarischen Textsorten und andererseits deckt der Adoleszenzroman eine Fülle von Wertbereichen ab, die existenziell für Jugendliche sind. Und noch dazu ist er gerade, was die Werte-Vermittlung betrifft, ein umstrittenes Genre.

Unter "Adoleszenzliteratur" verstehe ich - hier verkürzt definiert - Texte, die jugendliche Protagonisten in ihre Identitätssuche darstellen.


Zentrale Wertebereiche sind hier - ohne qualitative Reihung -

Freundschaft, Partnersuche, Liebe, Sexualität, Schwangerschaftsabbruch, Verhältnis zu Eltern, Familie, Sucht, Erlebnis, Kriminalität, Selbstbestimmung, Freiheit, Konsumhaltung, Selbstfindung, Zukunft, Gemeinschaft, Schule.


Diese Wertebereiche sind aber oft zusätzlich eingebettet in individuelle wie gesellschaftliche Problemlagen, ohne dass daraus gleich ein problemorientiertes (und meist problemlösendes) Jugendbuch entstehen muss. Plakativ gesagt: Nicht das "Problem" steht im Mittelpunkt, sondern die Jugendlichen, die Probleme haben, die junge Frau und der junge Mann, der Konflikte austrägt, der Krisen durchmacht.


Ein wesentlicher Wertebereich mit Krisen und Konflikten ist natürlich das Verhältnis zu den Eltern, das oft auch nicht ein bloßer Ablösungsprozess ist, sondern eine verständnisvolle und oft witzig-ironisch dargestellte Begleitung der neurotisierten lebensuntüchtigen Eltern durch die jugendlichen Protagonisten darstellen kann. (Hennig von Lange: Ich habe einfach Glück oder Jenny: Das Blütenstaubzimmer).

Für andere wiederum fällt das Erwachsenwerden mit dem gesellschaftlichen Phänomen "Rechtsradikalismus-Neonazismus" zusammen, oder mit der Bewältigung eines schweren Traumas wie z.B. "Sexueller Missbrauch" oder mit dem Umgang mit einer "Sucht". (z.B. McGraham: Alice im stummen Land (2002)

Daneben gibt es eine Reihe von Adoleszenzromanen, die die Entwicklung der Geschlechtsidentität ins Zentrum stellen und dabei auch Verständnis und tolerante Werthaltungen im Bereich der "heterosexuellen bzw. homosexuellen Geschlechtsorientierung" vermitteln können.

Seit Charlotte Kerners Buch "Geboren 1999" und noch mehr mit dem preisgekrönten Text "Blueprint. Blaupause" kann Identitätsfindung auch mit der Auseinandersetzung mit medizin-ethischen und bioethischen Fragen verknüpft sein.

Aber auch interkulturelle Werte werden mit Texten vermittelt, die Adoleszenz, Identitätssuche von z.B Migranten als Protagonisten darstellen oder Schauplätze und Hauptfiguren in andere Länder und auch Zeiten - historische Adoleszenzromane - verlegen.

Auch Aspekte aus dem Bereich Religion/Konfession spielen fallweise wieder eine Rolle: z. B. im neuesten Roman von Andrea Hensgen mit dem Titel aus einer alttestamentlichen Bibelstelle: Sie ging in die Stadt, um sich die Mädchen anzuschauen. (2002) -- Nicht Religion/Glauben, sondern um Bibellesen - Geschichten, in denen es um Männer und Frauen und Ihre Beziehung geht.



Wie nun aber einzelne Wertebereiche literarisch umgesetzt werden und welche Kontroversen durch mutmaßlich zu offenen, zu beliebigen - postmodernen - Umgang mit diesen Wertbereichen entstehen können, soll nun exemplarisch an teilweise preisgekrönten schwedischen Jugendromanen aufgezeigt werden.


Schwedische Literatur für junge Erwachsene ist in den letzten Jahren international immer erfolgreicher und für den deutschsprachigen Markt immer bedeutsamer geworden. ---- Der Anteil der Übersetzungen ist sehr groß beim Jugendbuch -- 37:5 (Aare, Sauerländer, Patmos, Dachs)


Vor allem die psychologischen Romane von Mats Wahl (allen voran "Winterbucht" 1995 (1993)) aber auch die Romane von Inger Edelfeldt ("Jim im Spiegel") oder Dieter Pohl stehen in der Tradition des modernen Adoleszenzromans im Gefolge Salingers, verbinden aber moderne wie postmoderne literarische Verfahrensweisen.

Interessanter Nebenaspekt: Inger Edelfeldts Romane: Jim im Spiegel (1977), Briefe an die Königin der Nacht (1985) und Kamalas Buch (1986) sind in Schweden als Erwachsenenliteratur veröffentlicht worden!! Jim im Spiegel wurde dann überarbeitet und gekürzt 1983 als Jugendbuch! (Kümmerling-Meibauer, S. 74)


Wahls, Edelfeldts und Pohls Romane zeichnen sich einerseits durch eine verstärkte Übernahme von bisher tabuisierten Themen wie Vergewaltigung, Rechtsradikalismus, sexueller Missbrauch von Jugendlichen, Liebesbeziehung zum Partner eines Elternteils usw.

Andererseits weisen sie eine besondere Radikalität in der Figurendarstellung und Schlussgestaltung auf. Es werden teilweise Hauptfiguren präsentiert, die unsympathisch wirken, Antihelden, mit neurotischen Verhaltensweisen.

Also keine einfachen Identifikationsfiguren. Trotzdem gelingt es Mats Wahl, Verständnis und teilweise auch Sympathie für diese Figuren und vor allem auch Empathie/Einfühlung im Leser zu erwecken. Die Tendenz zum negativen Schluss ist sehr ausgeprägt. Die Hauptfiguren verstummen oder ziehen sich in selbstgewählte Isolation zurück, zeigen manchmal psychopathologische Persönlichkeitsmerkmale und Verhaltensweisen (z.B "Kamalas Buch" Inger Edelfeldt, 1988 (1986))


Alle drei Autoren zeigen die Tendenz, dass sie Elemente verschiedener traditioneller Genres kombinieren u.a. Detektivroman, Kriminalroman, Thriller, Liebesgeschichte, Schülerroman, Entwicklungsroman, Abenteuergeschichte. Andererseits vermischen sie trivialliterarische Elemente, die vordergründig auf Unterhaltung, Spannung und Sentimentalität abzielen. Es kommt so zur Desintegration traditioneller epischer Erzählformen - eines unter anderen Merkmalen der postmodernen Erwachsenenliteratur. Ebenso zeigt sich das Eindringen von medialen Erzählweisen in diesen innovativen schwedischen Romanen. Z.B. bei Peter Pohl in"Jan, mein Freund" ein ständiger Wechsel/Überblendung zweier Erzählebenen (fiktionale Gegenwart und Rückblenden in die Vergangenheit, wie wir das aus der Erwachsenen-Literatur schon lange kennen).


Andere Ereignisse werden durch häufigen Wechsel von Nah- und Fernperspektive wie mit Zoom und Totale dem Leser vermittelt. Oder in der beeindruckenden Schlusssequenz, wo die Hauptfigur den ermordeten Jan entdeckt. Hier werden zwei Wahrnehmungsebenen (visuelle Wahrnehmung und parallel ablaufende Gedankengänge) ineinander verschränkt und das diffuse Geschehen wird dem Leser zur Entschlüsselung angeboten. Pohls Profession als Filmregisseur wird hier augenfällig.


Ein anderes erzählerisches Merkmal, das gerade in einer ausgewogenen Werte-Vermittlung durch Texte ein wichtige Rolle spielt, ist die Verwendung von mehreren Perspektiven, die das Geschehen sozusagen "polyphon" darstellen bzw. kommentieren. Zum Beispiel in Jim im Spiegel von Inger Edelfeldt stehen der Ich-Erzählung durch die Hauptfigur kurze Kommentare der Mutter gegenüber, die das Geschehen aus einer anderen Sicht deuten. Die Mutter ist somit eine zweite Hauptfigur, die die Identitätsfindung ihres Sohnes allerdings anders verfolgt und schließlich resigniert.


Ein weiteres Element modernen, "erwachsenen" Erzählens sind sog. intertextuelle Verweise - so in Mats Wahls Winterbucht auf Withman, Poe, Shakespeare, Lagerlöf u.a., Diese Verweise stehen immer im Zusammenhang mit der Lebenssituation der Figuren, kommentieren sie indirekt.

Insgesamt stützen diese und andere Analyseergebnisse die These, dass sich ein bestimmter Bereich innerhalb der Jugendliteratur der Erwachsenliteratur annähert!

Und mit dieser Tatsache ergeben sich auch immer mehr Reibungspunkte innerhalb des jugendliterarischen Vermittlungsapparats - dem Literaturunterricht, der Leseförderung, der Bibliotheksarbeit, des Buchmarktes, der Elternberatung usw.


Die Werthaltungen in Mats Wahls Büchern sind nicht plakativ-pädagogisch vermittelt, er agiert als feiner Aufklärer durch Direktheit, oft krassem Realismus, konkreteste Benennung der Dinge. Die meist um Sexualität, Eifersucht, Gewalt, Sehnsüchte kreisenden Träume, Ängste und Erwartungen - so wie sie in seinen jugendlichen Helden umgehen - verunsichern irritieren natürlich die LeserInnen. (ganz zu schweigen von den Vermittlern!!)

Vergleicht man Christine Nöstlingers Tabubrüche mit Mats Wahl so wird das anschaulicher:

Bei Nöstlinger werden Nasenwutzel ausgetauscht und gegessen - bei Mats Wahl wird an Slips geschnüffelt oder die nackte Mutter wird zum Objekt erotischer nicht kindlicher Liebe oder dem Gegner, Beleidiger wünscht man den Tod und sich selbst Kraft - "Licence to kill"

Vgl. Nicht Chicago, nicht hier von Kirsten Boie: "Ich mach ihn tot. Ich bring ihn um, ich schwör, ich mach ihn tot, ich tret ihm so die Fresse ein, dass er niemals mehr... ich mach ihn tot. Ich bring ihn um, ich schwör." Anfang und Schluss!



Dies ist sicherlich zunächst irritierend und lädt auch bei Jugendlichen zur Selbstverteidigung, zur Ablehnung ein - (wie Interviews /Schülergespräche zu Wahls Büchern zeigen (Beiträge Juglit.Medien 1999, H1) Gleichzeitig kann zu so einem Erzähler intimer Gedanken und Emotionen ein nicht immer öffentlich eingestandenes Vertrauensverhältnis entstehen, ein intimer Schulterschluss der LeserInnen mit dem Autor. Dies zeigt zumindest der Erfolg von Wahls Büchern bei der Leserschaft.

Seine Figuren sind psychologisch differenziert angelegt, er legt besonderes Augenmerk auf tiefenpsychologische Vorgänge. Seine Hauptfiguren sind Wegsucher, wie im traditonellen Entwicklungsroman. Sie sind allerdings Wegsucher in einer durch und durch kapitalistischen Welt, einer Welt mit fließender Moral, und das macht die Tragik seiner Figuren oft aus, die oft zeigen: Wer mit überkommenen Werten leben will, wie sie Schule und Familie vermitteln, gerät mit einer gewissen Folgerichtigkeit in die Außenseiterrolle und in die Isolation.


Betrachtet man nun die Resonanz solcher Adoleszenzliteratur bei den professionellen Vermittlern wie z.B. der Schule, so ist sie noch recht gering.

In Institutionen, wo es um Orientierung in der Vielzahl der möglichen jugendlichen Lebensentwürfe gehen soll, dominieren noch immer klassische Muster, Prototypen des Adoleszenzromans:

Goethes Werther - durchaus seinerzeit ein innovativer Jugendroman abgehoben von der aufklärerischen Lektürepädagogik seiner Zeit - Musils Törless oder Unterm Rad oder Fänger im Roggen.

Warum haben es aktuelle Bücher, die den Lebenserfahrungen Jugendlicher mit fließenden Werthaltungen entsprechen, noch immer so schwer, Eingang in den Literaturunterricht, in die Literaturempfehlungen an Jugendliche zu finden?

Eine Antwort wäre pointiert formuliert zunächst die: weil manche jugendliterarische Texte in Sprache und Inhalt dem Vermittler (Lehrer) genauso ferne liegen wie den Jugendlichen Sprache und Inhalt der vom Vermittler vorgeschlagenen Texte. Eine gegenseitige Annäherung, ein Kompromiss wäre empfehlenswert.

Insgesamt herrscht in der Literaturdidaktik aber noch immer die Erwartung vor, dass Jugendliteratur primär die kritische Darstellung von Problemen zu leisten habe und Entwürfe für Lösungsmodelle bieten solle und den Wertvorstellungen des pädagogischen und gesellschaftlichen Mainstreams entsprechen muss. Der Umgang mit Jugendliteratur erscheint noch vorwiegend pädagogisch-funktional: Man hört im Gespräch über Jugendliteratur allzu oft nur: Wie kann ich dieses Buch einsetzen? oder Was für ein Buch passt denn zu diesem Thema, das ich mit der Klasse besprechen will?

Textsorten, die sich nicht gleich instrumentalisieren lassen oder in offener Direktheit und Zeitgemäßheit daherkommen, werden abgelehnt und schnell auch der Förderung des Werteverfalls bezichtigt. Dass es sich dabei auch um Literatur handeln könnte und der Text auch einen Stellenwert im Rahmen bloßer Literaturbetrachtung haben könnte, wird übersehen.


Moderne Adoleszenzromane mit literarischem Anspruch bieten meist wirklich keinen sozialen Erklärungsansatz oder Lösungsmodelle oder klare Handlungsorientierungen.

Sie schildern individuelle Charaktere und keine paradigmatischen Fallbeispiele, keine Beispielgeschichten!! Sie geraten daher schnell in den Verdacht, sie könnten Jugendliche durch das Fehlen einfacher Antworten und eindeutiger Lösungen nur noch tiefer in ihre seelischen Krisen hineintreiben, statt einen möglichen Ausweg zu eröffnen.

Solche Wirkungsbefürchtungen bei jungen Erwachsenen sind überzogen, ebenso wie der positive Aufweis von der direkten Wirkung der Werte-Erziehung durch Literatur - wie schon Friedrich Schiller erkannte - schwer zu belegen ist.

Moderne Jugendliteratur zeigt Jugendliche in ihrer heutigen Lebenswelt, die durch Aufsplitterung in die unterschiedlichsten Szenen, durch die ständige Medienpräsenz, die Dominanz der Musikkultur und die Tendenz zur fortschreitenden Individualisierung der Lebensstile gekennzeichnet ist.

Heutige Jugendliteratur stellt die Konflikte dar, die sich aus den veränderten, diskursiven, liberalisierten und auch gestörten Erziehungsstrukturen der Familie und der Schule ergeben. Moderne Jugendliteratur gibt den LeserInnen Anregungen zu solchen zeitdiagnostischen Reflexionen. Daneben kann sie auch zur Klarheit über sich selbst verhelfen, weil sie den LeserInnen auf der Ebene der Fiktion ein Medium zur Reflexion ihrer Umwelt, zur Auseinandersetzung mit persönlichen Lebensproblemen und zur Selbstformulierung ihrer eigenen Identität anbieten.

Und das Entscheidende ist, die Jugendlichen können von diesem Werte-Normen-Angebot, diesem Werte-Cocktail, ganz individuellen Gebrauch machen, ohne eine Bloßstellung oder die Propagierung eines verpflichtenden Leitbildes durch die Lehrenden und Erziehenden befürchten zu müssen, also wie Schiller sagen würde: "ohne einseitige Nötigung der Natur beim Empfinden" (Briefe zur ästhetischen Erziehung) Beispiele für solche Jugendromane sind z.B. "Celine oder Welche Farbe hat das Leben" von Brock Cole oder "Cool Girl" von Blake Nelson.


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Dass in letzter Zeit wieder die pädagogischen Wissenschaften und die erziehenden Werte-Vermittler verstärkt auftreten, hat verschiedene Ursachen. Einerseits am permanent ausgerufenen Werteverfall in unserer Gesellschaft, aber auch in der neuerlich angekündigten Renaissance "alter" Werte wie (Treue, Ordnung, Heimat, Familie) wie in verschiedenen Jugend-Studien aufgezeigt wurde.

Nicht zuletzt ist das Interesse an Pädagogisierung auch durch das verstärkte Auftreten von Jugendgewalt gewachsen. Und die öffentlichkeitswirksame Vereinfachung des Zusammenhangs von Medienkonsum und einzelner aber umso unfassbarer Gewalttaten Jugendlicher hat das ihre dazu beigetragen. Und so ist auch wieder eine Sensibilität gegenüber der Werthaltigkeit, der Normen- und Einstellungsvermittlung durch Jugendliteratur gewachsen.


Das hat meiner Meinung noch nicht zu einer merkbaren verstärkten Produktion von moralisierenden Jugendbüchern geführt. Diese hat es ja schon auf der Schiene der sog. "Sozialisationsliteratur". gegeben, auch wenn daneben oft von Lesern und Vermittlern nicht beachtet oder abgelehnt die literarische Modernisierung der Jugendliteratur stattgefunden hat, die besonders im Adoleszenzroman, im amerikanischen College-Roman oder in der Pop-Literatur zum Ausdruck kam.


Aber die jugendliterarische Kritik hat bereits hie und da auf diesen Werte-Trend reagiert. Eine kritische Stimme zur angeblichen Beliebigkeit der Wertvorstellungen innerhalb sog. postmoderner jugendliterarischer Texte erhebt Ursula Kliewer (in Beiträge Jugendliteratur und Medien im Jahr 2000, Heft 3) in einem Artikel mit dem Titel: "Adoleszenzromane zwischen Ethik und postmodernem "laissez faire". Mit dem Untertitel: Wie "unmoralilsch" dürfen Jugendbücher sein?


An dieser Stelle würde ein üblicherweise entschiedenes Wort Reich-Ranickis passen, des großen Literaturschiedsrichters: "Bei Literatur kommt es nicht darauf an, was drin steht, sondern wie es geschrieben ist." (Literarisches Quartett)

(allerdings auf Kinderliteratur bezogen nicht ohne weiters vertretbar. )



Welche moralischen Bedenken äußert nun Kliewer, wenn sie im Untertitel fragt: Wie unmoralisch dürfen Jugendbücher sein?


Die Annäherung der Jugendliteratur an die Erwachsenenliteratur wird von ihr als Gefahr gesehen, weil Erwachsenenliteratur oft radikal und kompromisslos das Scheitern von Sinnfindungen aller Art gestaltet und noch dazu in einer formalen Komplexität, die die Jugendlichen überfordere. (Maria Lypp 1990) Der "Verzicht auf kohärente Sinnkonstruktion", ein Markenzeichen des Adoleszenzromans der ausgehenden 90er Jahre, wird als bedrohlich erlebt, weil ja mit diesem Verzicht auf das Ziel einer moralisch gefestigten Ich-Identität auch jegliche erzieherischen Aspekte wegfielen.


Kliewer vertritt die Meinung, dass diese Jugendliteratur, der der pädagogische Gestus fehle, durchaus nicht moralisch harmlos sei. Gerade in der Ununterscheidbarkeit der Wertstandpunkte, im bloßen Darstellen und Stehenlassen liege das moralische Problem. Im belanglosen oberflächlichen Jugendjargon-Geplauder werden eben auch Wertungen transportiert.

Nicht die drastische Darstellung der Wirklichkeit, nicht die Enttabuisierung der Sexualität z.B. oder die gewalt- und aggressionserfüllten Vorstellungen der Protagonisten seien das Provozierende dieser Texte, sondern die Normverstöße, die undiskutiert/unkommentiert beiläufig präsentiert werden!

Eine Textstelle aus "Frederikes Tag" von Cornelia Kurth (zitiert nach Kliewer) als Beispiel-Beleg ihrer Kritik:

"Ich geh zu Schlecker", heißt an unserer Schule soviel wie: `Ich klaue was bei Schlecker`. Mein kümmerliches Taschengeld würde niemals für meine kosmetischen Grundbedürfnisse ausreichen ... Aber heute ist ein beschissener Tag" (S. 69)



Kliewer stellt etwas wehmütig fest:

"Vorbei die Zeit, in der es noch liebenswerte Repräsentantinnen der älteren Generation gab, in den Büchern von Nöstlinger, Härtling und Pressler beispielsweise, die tatkräftigen Omas oder die besonnenen Großväter, die für die Enkel zu einer wichtigen erzieherischen Instanz wurden, als die Generation der Eltern mehr und mehr versagte." (S. 161)



Ja, diese Zeit ist vorbei, es ist eben die gesellschaftliche Entwicklung nicht stehen geblieben, die Entwicklung hin zu großelternlosen Haushalten und zu Rumpffamilien, Alleinerzieherhaushalten, Patchwork-Familien.

Diese verkürzte pädagogische Kritik Kliewers zeigt sich als überzogen, wenn man den Text kennt und diese Dialogsegmente im Gesamtzusammenhang sieht. Noch dazu ist "Frederikes Tag" gar nicht in einer Jugendbuch-Reihe erschienen und sollte daher nicht mit Argumenten kritisiert werden, die vielleicht für kinderliterarische Texte der Altersgruppe unter 12 zutreffen könnten.

Es ist ein Unterschied, ob ein 11-Jähriger mit offenen Moralsystemen konfrontiert wird oder ob ein 16-Jähriger, der schon eine Reihe von konkurrierenden Werthaltungen miterlebt hat und in der Ablösung von elterlichen und schulischen Normen Erfahrung gesammelt hat, solche offenen, polyvalenten Texte in die Hand nimmt. Denken wir an die unterschiedlichen Stadien der Moralentwicklung nach Kohlberg, so müssen wir für ältere Jugendliche, für junge Erwachsene einfach den Weg zu einer autonomen Moral vorbereiten. Und dies geht meines Erachtens nicht durch "Heile-Welt-Pädagogik" und Vortäuschung von Wertstabilität oder durch Wertkonservativität, die an der Wirklichkeit vorbeigeht, sondern nur durch die dynamische Reflexion und hoffentlich im Gespräch mit unaufdringlichen Vermittlern/Lehrern. Denn dazu sind wir als Pädagogen, als Helfer zu einer autonomen Moral unserer Jugendlichen, in der heutigen Zeit nötiger denn je. Gerade die moderne Jugendliteratur, die sich aus der moralischen Indoktrination durch Handlungsführung, Erzähltechnik, Figuren, Erzählerkommentar... zurückgezogen hat, die versucht, einfach die Lebenswelten der Jugendlichen mit ihrer Sprache aus ihrer Perspektive darzustellen, ist uns ein wichtiges Hilfsmittel dabei - etwas "zur Sprache zu bringen" und Generationen übergreifend ins Gespräch zu kommen.

Wie funktioniert das aber mit dem Rückzug aus dem expliziten Werte-Vermittlungs-Anspruch in der Jugendliteratur den nun?

Ich plädiere natürlich nicht für eine ersatzlose Ablöse der intentionalen Jugendliteratur mit offensichtlichen padagogischen Wert-Vermittlungsanspruch. Auch diese Literatur hat ihre legitime Funktion im Handlungssystem Kinder- und Jugendliteratur, das als Handlungssystem nicht an Vermittler, Pädagogen vorbeikommt. Werte-Vermittlung durch positive konstruktive Konfliktlösungen oder durch warnutopische Beispielgeschichten, durch moralisierende implizite Autoren/Erzähler wird es weiterhin geben.

Ich bin dankbar, dass Gudrun Pausewang, das Buch "Die Wolke" geschrieben hat. Sie hat mein pädagogisches, moralisches Anliegen mit 14-Jährigen die Aussichtslosigkeit eines ABC-Ernstfalls und die gesellschaftlichen Diskriminierungsmechanismen gegenüber Strahlengeschädigten aufzuzeigen, Hoffnungen und Ängste zur Sprache zu bringen, sehr unterstützt. Geschichten mit mehr oder weniger offensichtlicher Moral, waren schon immer Kinder- und Jugendliteratur, sog. "Sozialisationsliteratur", und werden auch weiterhin den jeweiligen pädagogischen Zielsetzungen untergeordnet werden. Es ist nur darauf zu achten, welchen pädagogischen Zwecken sie letztlich dienen und ob sie nicht mit anderen höheren Erziehungszielen und Werten in Konflikt geraten.


Es muss aber dennoch die Freiheit der Autoren und der Vermittler gesichert sein, dass auch die Lebenswelt der Jugendlichen wie sie ist, dargestellt werden kann, ohne implizite Wertung des Erzählers. Und ich glaube nach wie vor, dass Jugendliche und junge Erwachsene über die Ebene des Diskurses, der gemeinsamen Reflexion zum Überdenken von Wertalternativen geführt werden und nicht durch aufdringliche Vorbildwirkung literarischer Figuren oder Idol bildende Identifikation oder durch konstruierte Handlungsführung.

Literatur, literarische Qualität hat auch schon immer den Anspruch auf Irritation und Reflexion erhoben und geht nicht in der bloß unterhaltenden bzw. identifizierenden Rezeption auf.

Und so bleiben uns permanente didaktische Überlegungen zum "unpädagogischen Adoleszenzroman" nicht erspart. Und ich behaupte in diesem Zusammenhang, dass eine verantwortungsvolle Irritation durch ein jugendliterarisches Werk (als Klassenlektüre oder Individuallektüre) die Auseinandersetzung mit Normen und Werthaltungen und deren reflexive Aneignung besser befördert als der moralische Zeigefinger. Verantwortungsvolle Auseinandersetzung heißt eine begleitende Auseinandersetzung, die mindestens die Irritationen und Leseerfahrungen der Jugendlichen zur Sprache bringt.

Und so könnte man auch vom Jugendbuch "für ältere Semester" fordern, sich eben mehr dem freien Spiel der ästhetischen Einbildungskraft zu widmen. Lassen wir Friedrich Schiller das letzte Wort. Er formuliert es in den "Briefen zur ästhetischen Erziehung" radikaler und idealistischer,

"denn die Schönheit gibt schlechterdings kein einziges Resultat, weder für den Verstand noch für den Willen; sie führt keinen einzigen, weder intellektuellen noch moralischen Zweck aus; sie findet keine einzige Wahrheit, hilft uns keine einzige Pflicht erfüllen und ist, mit einem Worte, gleich ungeschickt, den Charakter zu gründen und den Kopf aufzuklären. Durch die ästhetische Kultur bleibt also der persönliche Werth eines Menschen oder seiner Würde, insofern diese nur von ihm selbst abhängen kann, noch völlig unbestimmt, und es ist weiter nichts erreicht, als dass es ihm nunmehr von Natur wegen möglich gemacht ist, aus sich selbst zu machen, was er will - dass ihm die Freiheit, zu sein, was er sein soll, vollkommen zurückgegeben ist. Eben dadurch aber ist etwas Unendliches erreicht.


Denn, sobald wir uns erinnern, dass ihm durch die einseitige Nötigung der Natur beim Empfinden und durch die ausschließende Gesetzgebung der Vernunft beim Denken gerade diese Freiheit entzogen wurde, so müssen wir das Vermögen, welches ihm in der ästhetischen Stimmung zurückgegeben wird, als die höchste aller Schenkungen, als die Schenkung der Menschheit betrachten." (Ä. E., 21. Brief, S.77ff)



Anhang:

Jugendliteratur/Adoleszenzliteratur - Auswahlliste (ab ca. 14/15 Jahre, Oberstufe)


Ambjörnsen, Ingvar: Peter und der Prof - engagierte Krimi-Serie

Arold, Marlies: Voll der Wahn. Verena steht auf Ecstasy

Büchner, Barbara: Nadine, mein Engel, 2002

Chidolue, London, Liebe und das alles

Cole, Brock: Celine oder Welche Farbe hat das Leben

Comier, Nur eine Kleinigkeit

Dahimene, Adelheit: Indie Unterground, 1997

Edelfeldt, Inger: Briefe an die Königin der Nacht, 1986 (1985)

Edelfeldt, Inger: Jim im Spiegel, 1985 (1983)

Edelfeldt, Inger: Kamalas Buch, 1988 (1986)

Edelfeldt, Jim im Spiegel

Eisenstadt, Jill: Rockaway

Ellis, Bret Easton: Unter Null

Eschbach, Andreas: Perfect Copy 2002

Faerber, Regina: Der weite Horizont

Gercke, Doris: Für eine Hand voll Dollar. 1998

Glaser, Pernilla: Tanz auf dünnem Eis, 1999

Hagemann, Marie: Schwarzer, Wolf, Skin

Hennig von Lange, Alexa: Ich habe einfach Glück, 2001

Hennig von Lange, Alexa: Relax

Hochgatterer, Paulus: Caretta, Caretta

Hochgatterer, Paulus: Wildwasser

Hornby, Nick: About a Boy

Hornby, Nick: High Fidelity

Jenny, Zoe: Das Blütenstaubzimmer

Jenny, Zoe: Der Ruf des Muschelhorns, 2000

Kerner, Charlotte: Blueprint. Blaupause, 1999

Kerner, Charlotte: Geboren 1999

Knutsen, Per: Falsche Spiele

Kracht, Christian: Faserland

Kurth, Cornelia: Frederikes Tag, 1998

Kynast, Helene: Alles Bolero

Lebert, Benjamin: Crazy, 1999

Lehmann, Christian: Spiel um dein Leben. Ein Computerthriller

Martin/Ribera: Alle Detektive heißen Flanagan

Matas, Carol: Miranda. Das Klon-Projekt, 2002 (1999)

Mazer, Marcus Roosenblum und die Liebe

McNamee, Graham: Alice im stummen Land, 2001 (1999)

Meißner-Johannknecht, Doris: Tuchfühlung 2001 (1996)

Moeyaert, Bart: Es ist die Liebe, die wir nicht begreifen, 2001, (1999)

Nelson, Blake: Cool Girl, 1997 (1994)

Nilsson, Per: So lonley 1999 (1992)

Pelz, Monika: True Stories, 1998

Pohl, Peter: Jan, mein Freund, 1989 (1985)

Pohl, Peter: Unter der blauen Sonne, 2002 (1998)

Preuß, Gunter: Stein in meiner Faust

Proni, Giampaolo: Der Fall A.S.I.A.

Rabisch, Birgit: Duplik Jonas 7, dtv pocket plus, 1997

Rhue, Morton: Ich knall euch ab, 2002

Santak, Ana: Lovebites oder Die Jugenleiden der W., 2002

Seidel, Markus: Umwege erhöhen die Ortskenntnis

Stern/Weiss (Hg.): Pop! (Text-Sammlung)

Stuckrad-Barre, Benjamin von: Livealbum

Stuckrad-Barre, Benjamin von: Soloalbum

Teller, Astro: Hello, Alice. E-mal-Roman 1998 (1999)

Till, Jochen: Der Junge Sonnenschein

Wahl, Mats: Bis zum Showdown, 1999 (1997)

Wahl, Mats: Der Unsichtbare 2001 (2000)

Wahl, Mats: Winterbuch, 1995 (1993)

Welsh, Irvine: Trainspotting, 1996 (1993)

Wild, L :Unemotion. Roman über die Zukunft der Gefühle, 1998(1996)

Wildenhain, Michael: Wer sich nicht wehrt

Zanger, Jan de: Dann eben mit Gewalt

Zanger, Jan de: Warum haben wir nichts gesagt? 1999

Ziegler, Reinhold: Version 5 Punkt 12


 

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agn.pi-noe.ac.at 30. 11. 2002